Viele Asiaten kommen wegen der guten Bildung und der erhöhten Chancen auf Wohlstand in den Westen. Sie wollen und sollen hoch hinaus. Sie gelten als die strebsamsten unter den ausländischen Studenten. Meist kann nur ein Mitglied eines Familienclans ins Ausland gehen. Der Erfolgsdruck ist enorm – Scheitern ein Tabuthema. Thu Trang Ly sprach mit drei Vietnamesen darüber wie es ist, von ganz oben hinab zu fallen.Zunächst muss ich sagen, ich gehöre auch zu dieser Gruppe von jungen Leuten, die es in den Westen zog. Ich bin 23, eine Vietnamesin und studiere in Deutschland. In meinem Land ist es immer noch ein großer Traum, ins Ausland zu gehen. Es gibt derzeit etwa 3500 vietnamesische Studenten in ganz Deutschland. Für alle und selbst für mich ist es eine große Chance. Aber wie das Leben eines Menschen sich dadurch verändert, ist wiederum eine andere Frage. Aus der Geschichte dreier verschiedener Vietnamesen in Deutschland möchte ich einen Blick auf das „Wie“ werfen. Wie sind sie nach Deutschland gekommen? Wie ist ihr Leben in Deutschland? Wie verändern sie sich dadurch?
Hung Nguyen, 23, studiert Wirtschaftsmathematik an der Uni Jena und ist seit vier Jahren in Deutschland. Der Grund, warum Hung nach Deutschland gekommen ist, ist ein populärer Anlass. Seine Tante lebt hier. Dazu wollte er auch weg von Vietnam.
Dann ging er spontan in die neue Welt, ohne Information über das neue Land, über das zukünftige Studium sowie das zukünftige Leben, außer einem dreimonatigen Deutsch-Kurs. Ihn konnten seine Eltern, die selbst noch nie im Ausland waren, keinen Rat geben. Seine Tante in Deutschland half ihm auch nicht weiter, da sie nicht studierte.
Der Teufelskreis fing erst mit dem Studienfach an. Hung studiert jetzt Wirtschaftsmathematik an der Universität Jena. Auf die Frage, ob er mit dem Studium zufrieden ist, sagte er: „Nein. Weil es nicht wirklich das Fach ist, das ich studieren wollte. Wirtschaft mag ich lieber“. Aber das konnte er dann nicht mehr. Er hat im Studienkolleg den Technik-Kurs belegt, aber nicht den Wirtschaftskurs. Wieso wählte er damals den Technik-Kurs für die Bewerbung auf einen Platz am Studienkolleg? Hung antwortet, dass es Tradition sei, dass ein vietnamesischer Junge auf Naturwissenschaften steht und weil er zuerst einen Platz am Kolleg bekommen wollte - egal welchen. Damals wusste er noch nicht, was er studieren wollte. Selbst jetzt wisse er es auch nicht wirklich.
Hung hat inzwischen sechs Semester hinter sich. Sein Studium schaffte er gerade so. Der Lernstoff war für ihn zu schwer, zu viel und zu wenig Praxis bezogen. Er hat ein großes Problem, Vorlesungen auf Deutsch zu verfolgen und auch bei normalen Unterhaltungen. Zum Teil liegt das daran, dass Hung eher mit Vietnamesen in Deutschland Kontakt hat und nur einige deutsche Mitstudenten oberflächlich kannte. Trotz aller Schwierigkeiten hat er vor, das Studium in elf Semestern zu schaffen. Nach diesen Erlebnissen will Hung nur schnell weg von Deutschland. Am besten wäre er nicht hierher gekommen, meinte er. Hung hätte nie vorher damit gerechnet, dass das Leben und das Studium im Ausland so schwierig und kompliziert ist. Er wollte eigentlich nur an einem Ort sein, wo er das Studium locker nach ein paar Jahren hätte abschließen können. Vielleicht wäre er besser nie weg von Vietnam gegangen. Tief im Herzen bereut der junge Mann seinen eingeschlagenen Weg.
Tuan Bui, 27, studierte Informatik an der TU Dresden und war sechseinhalb Jahren in Deutschland. Wie viele andere Vietnamesen arbeitet Tuans Tante in Dresden. Einen Tag ging die Tante nach Vietnam, besuchte Tuans Familie in Hanoi und schlug ihrem Neffen, der es als erstes Familienmitglied an eine Uni in Vietnam schaffte, vor: „Wieso kommst du nicht nach Deutschland zum Studieren, wenn du so gut bist?“. So war Tuan auf dem Weg nach Deutschland.
Wie er sein Studienfach wählte, ist eine lustige Geschichte: Tuan studierte Elektrotechnik in Vietnam. Er hätte dasselbe Fach in Deutschland wählen können. Seine Tante meinte jedoch, sein Cousin studierte jetzt schon Elektrotechnik in Deutschland. Nähme Tuan auch das Fach, so würden die beiden später höchstwahrscheinlich in Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt stehen. Das gehe natürlich nicht. Also sollte er Informatik statt Elektrotechnik nehmen.
In der Anfangszeit schleppte Tuan sich durch verschiedene Vorlesungen und Prüfungen ohne zu wissen, wie das Studiensystem funktioniert. Er erfuhr zum Beispiel erst nach zwei Semestern, dass man die Skripte für Vorlesungen im Internet herunterladen konnte. Vorher versuchte er, den ganzen Vorlesungsstoff mühsam abzuschreiben, was natürlich unmöglich war. Es ist ja generell meistens schwierig, wenn man das erste Mal weg von zu Hause ist und selbstständig sein muss. Dieses Problem trifft einen vietnamesischen Studenten aber noch viel tiefer. Tuan las weder das Informationsheft der Universität, noch fragte er sich selbst, wieso er dieses Fach oder dieses Seminar wählte und wozu. Viele Seminare und Themen wählte er, nicht weil er sie interessant fand oder brauchte, sondern weil er jemanden als Konkurrenzpartner sah, oder weil er beweisen wollte, dass er es schaffen konnte, oder weil seine Freunde sie auch belegten..
Nach zwei Jahren merkte er, dass Informatik nichts für ihn ist. Er fing an, seinen eigenen Interessen nachzugehen und ahnte schon ein wenig, dass er Wirtschaft mochte. Aber er kämpfte weiter mit seinem Studienfach. Es war ein großer Fehler, stellte er nach 6,5 Jahren in Deutschland fest. Nach 12 Semestern brach Tuan das Studium ab, kehrte nach Vietnam zurück, besuchte einen Wirtschaftskurs in der Abendschule und arbeitet jetzt in einer Finanzabteilung in Vietnam.
Das Gute daran war, dass seine Eltern immer nah an seiner Seite standen, dass er sein Ziel und seine Interessen fand und dass er den Mut dazu hatte, dieses Ziel zu realisieren.
Tuan ist sich aber auch bewusst, was er dadurch verloren hat. Nach fast sieben sinnlosen Jahren im Ausland verschwendete er nicht nur Geld, sondern auch die Zeit. – Zeit für Chancen zum Aufstieg, zum Netzwerkaufbau. Seine Zukunft ist sicher wacklig, weil er keinen Studienabschluss hat. Der soziale Druck wird für ihn wahnsinnig groß.
Jene Nicht-Happy-End-Seite des Auslandsstudiums kennen die meisten Vietnamesen, die ins Ausland gehen wollen, nicht. In der Tat kehren jedes Jahr viele ohne Erfolg zurück. Das traurigste daran ist, dass sie dann oft erst die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sie schon so viele Jahre hinter sich gebracht haben. Das schlimmste ist jedoch, dass nicht jeder Studienabbrecher sein Ziel letztendlich noch findet, wie Tuan. Viele Rückkehrer sind ziellos und schämen sich zu tiefst über sich selbst. Wie schwierig mag es sein, von so einem Anfangspunkt, sein Leben als junger Mensch neu zu gestalten?
Huu Trung Le, 27, ist seit sechs Jahren da und studiert Medienpraxis und –forschung an der TU Dresden. Als einer der seltenen Fälle kam Trung nach Deutschland aus eigenem Willen. Er hatte bereits fünf Semester Germanistik an einer Universität in Hanoi hinter sich. Er wollte gerne in Europa studieren und mochte Deutschland mit seiner Ordnung und als Wohlfahrtstaat. So kam er, bestand die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang und war zunächst ein Student für Deutsch als Fremdsprache (DAF) an der TU Dresden.
Erst nach vier Semestern entdeckte der junge Mann, dass es noch interessantere Fächer gibt und dass DAF nicht die beste Wahl war. Er kam dann zu einer Entscheidung, die nicht jeder umsetzt, schon gar nicht ein Vietnamese. Er wechselte das Studienfach. Trung war bewusst, dass er zwei Jahre verloren hatte. Dennoch hörte der Junge auf sein Herz und folgte seinem Traum. Nun studiert Trung Medienpraxis und –forschung an der Tu Dresden.
Das Studium sei recht anspruchsvoll und schwierig, erzählt Trung. Einerseits liege es an dem Fach selbst. Das verlange einfach viel mehr Vor- und Allgemeinwissen, mehr selbstständiges Arbeiten und gute Deutschkenntnisse. Dies sei einfach schwierig für einen Ausländer. Andererseits, weil das Fach selbst so anspruchsvoll sei, gäbe es auch nicht viele Ausländer, die das wählen würden. So würden der Studienaufbau, der Lernstoff und die Methoden nicht etwa extra für ausländische Studenten unterrichtet. Die Professoren hätten für so eine Minderheit auch weniger Verständnis. Trung kämpft mit dem Fach. Er hat vorher damit schon gerechnet. Dennoch ist er ganz glücklich. Er kämpft für etwas, das ihn interessiert.
Mittlerweile beherrscht Trung die deutsche Sprache recht gut. Dafür hat er weniger Kontakte zu Vietnamesen. Er nimmt sich mehr Zeit für deutsche Kommilitonen und Bekannte. Durch das neue Netzwerk hat er viel über Deutschland, Europa sowie die Welt allgemein gelernt. Er hat sich in den letzten sechs Jahren sehr verändert. Er liebt dieses Land und hat vor, später in der Presse einer sozialen internationalen Organisation zu arbeiten, die den Fokus auf Vietnam richtet.
Diese drei Geschichten kommen mir vor wie drei Lebensmöglichkeiten – biegt man rechtzeitig oder falsch ab, wäre man schon auf einem anderen Weg und in einem anderen Leben.
Mich hat Deutschland auch verändert. Positiv. – Nicht nur in meiner Erkenntnisse, die ich während das Studium gewinnen konnte, sondern auch in meiner Denk- und Lebensweise. Zum Glück gehöre ich zu der Gruppe, die eine ausreichende Vorbereitung für dieses neue Leben bekommen hatte. Aber in Deutschland begegnete ich unglaublich vielen Vietnamesen, die - genauso wie Hung oder Tuan - kaum Ahnung haben, was sie in ihrem neuen Leben in Deutschland wirklich erwartet.
(Erscheinen in REGJO Spezial Vietnam 2010. Bald mehr dazu unter: http://www.regjo-leipzig.com/ oder ab nächster Woche im Einzelhandel zu kaufen).